Barbra Streisand: "VERZAUBERUNG" IST GARANTIERT

Ihre neue Konzert-DVD "One Night Only" ( erschienen 30. April 2010)

ONO CoverEs mag abgenutzt klingen, fast eine Plattitüde, aber Barbra Streisand hat immer noch – oder gerade jetzt – Töne, die einem das Herz brechen können. Wenn sie von den frühen Morgenstunden singt, in denen sie den Geliebten am meisten vermisst..(„ is the time I miss him most of all…“), dann haben ihre Stimme und auch ihre Augen einen Ausdruck von Traurigkeit, der so bezwingend ist, dass für einen Moment die Umwelt vergessen ist, und man unwillkürlich Selbsterlebtes reflektiert. Hier mischt Streisand Lebenserfahrung mit Schauspielkunst und man kann wählen, ob dies die „actress who sings“ ist, oder doch mehr eine großartige Sängerin die den Song lebt.

Am 26. September 2009 ist sie nach fast 50 Jahren für „one night only“ auf die kleine Bühne des New Yorker Jazzclubs „Village Vanguard“ zurückgekehrt.
Ein Ort an dem sie, knapp zwanzigjährig, bisweilen im Proberaum übernachtete, und ihre irdische Habe in zwei Einkaufstüten untergebracht war. So berichtet Rick Edelstein in seiner Einführung zum Konzert.

Die Vorstellung, hautnah und intim, wirkt wie ein Heimspiel für Fans und geladene Prominenz: die 123 Personen sitzen dicht bei einander im legendären Village-Vanguard-Club, der im Februar 75jähriges Jubiläum feiern konnte, und lauschen der großen Barbra Streisand – die locker, charmant und völlig unspektakulär ihren Auftritt gestaltet.

Bis auf ein paar Ausnahmen und fünf zusätzlichen Songs ist das musikalische Programm im Grunde eine Liveversion ihres neuen Albums „Love Is the Answer“. Und diejenigen, die dem Album Gleichförmigkeit und eine triste, wenig zündende Songauswahl vorwarfen, könnten ihre Meinung ändern, wenn sie Barbra’s umwerfende Performance der Songs auf dieser DVD sähen. Das sind Songs von höchster Qualität mit Inhalten und wunderbaren Melodien.

Besonders Musikliebhaber und kritische Hörer, die gerne an Studioaufnahmen Glätte und allzu viel Perfektion kritisieren, würden jetzt überrascht sein: Hier sind sie endlich- die geforderten „Ecken und Kanten“ – und das bei einer Barbra Streisand! Ja – die Stimme ist belegter als früher, und die immer häufigeren rauhen Töne gehören jetzt zu ihr wie ihr Alter.

Im Gegensatz zum Album, auf dem wir ihre Stimme vielleicht „klarer oder besser“ (?) hören, hat sie auf der neuen DVD „unperfekte“ Töne nicht nachbearbeitet – und bei den letzten, laut gesungen Noten von „The Way We Were“ scheut sie nicht den dramatischen Einsatz, wohl wissend, dass sie hier angestrengt und etwas heiser klingt. Das ist echt, ungeschnitten, spontan und letztendlich sehr beeindruckend.

Daneben aber hat sie immer noch Töne von berückendem Schmelz. Man achte am Ende von „Nobody’s heart“ auf ihr wundervoll zartes Vibrato. Auch geht sie mit zwei Songs ein besonderes Risiko ein: „My Funny Valentine“ und „Bewitched“ hat sie seit den 60er Jahren weder live noch im Studio gesungen. Beide Titel sind Streisand-Meisterwerke. Besonders Streisands Auftritt in der Judy Garland Show 1963 blieb bis heute unvergessen und begründete ihren baldigen Weltruhm. Ein begeisterter Kritiker verglich damals Streisands Stimme bei „Bewitched“ mit dem Klang einer Stradivari….! Gewagt !

Inside VVNach über vier Dekaden singt Streisand die beiden Songs zum ersten Male – und sie gelingen ihr natürlich anders als damals, aber immer noch großartig. Was sich an ihrer Stimme geändert hat, kann man vielleicht so beschreiben: singt sie leise oder zurückgenommen, dann klingt sie auch noch mit unglaublichen 67 weiterhin klangschön und zart wie ein Engel. Wird sie laut und dramatisch, klingt sie nicht wie früher kraftvoll und stählern, sondern – übertrieben formuliert – mitunter rauh und heiser wie ein Löwe. Daran werde sich die Fans gewöhnen müssen.

Zwischen den Songs erzählt Barbra viel von ihren frühen Jahren, sie erklärt, wovon die Songs handeln und warum sie ihr soviel bedeuten. Streisand ist eine faszinierende Geschichtenerzählerin – innerhalb und außerhalb der Songs. Der ganze Auftitt im Village Vanguard ist bestes Entertainment, gespickt mit persönlichen Erinnerungen, nostalgischen Gefühlen, Selbstironie und viel Humor. Nachdem sie gerade einige Bemerkungen machte, die lautes Lachen beim Publikum ernten, sagt sie: „ ich muss jetzt ernst sein, denn ich singe jetzt vom Ende einer Beziehung.“ Gesprochenes und Gesungenes verbinden- und verdichten sich zu einer Einheit, als ob es zu einem Theaterstück gehörte.

Barbra Streisand hat auch ihre ernsten Momente, und das ist gut so. Denn über Gefühle größte Identifikation mit ihrer Person zu erreichen, gehört immer noch zum kunstvollen Markenzeichen „Streisand“ . Diese Bindung an ihr Publikum funktioniert nun während einer fast 50 Jahre dauernde Karriere, und war nur möglich durch den authentischen Charakter ihrer Vorstellungen und Werke.

Bestes Beispiel dafür ist ihre Performance des Brel-Songs „Ne Me Quitte Pas“ welches ihr zum Kabinettstück gerät. Sie ist sensationell – spricht die Worte „I’d have been the shadow of your shadow…“ so bedeutsam und nachdrücklich aus, als seien sie aus einem Shakespeare-Drama. Nein – sie macht nicht zu viel und sie macht nicht zu wenig – sie macht es punktgenau. Eine solch reife Leistung zeigt hier auch einmal den „Vorteil“ des Alters….! Stehende Ovationen ! Ein anderes melancholisches Meisterstück ist ihr vorletzter Song „Some Other Time“; geschrieben von Leonard Bernstein.

Begleitet wurde sie an diesem Abend nur von vier Musikern. Schlagzeug, Bass, Gitarre und Klavier. In dem fantastischen Pianisten Tamir Hendelman hatte sie einen großartigen musikalischen Begleiter.

Nach so vielen Jahren – fast am Ende ihrer Karriere angelangt – hat Barbra Streisand mit diesem „kleinen“ aber auch ganz großem Konzert eine Lücke in ihrem Katalog oder Werkverzeichnis gefüllt. Es gehört zu ihren besten !

Die intime Atmosphäre des kleinen Vanguard-Clubs steht im allergrößten Kontrast zu Konzerten wie ihr etwas bombastisches „Timeless“, mit 72 Musikern nebst großem Begleitchor! Und es zeigt sich: Eigentlich kann Barbra Streisand ohne Las-Vegas-Flair mehr beeindrucken: „back to her roots“

Und wenn wir dieses Konzert sehen, wenn wir mit etwas nostalgischen und zugegebenermaßen sentimentalen (Fan)-Gefühlen auf die fast 70jährige Barbra Streisand schauen, dann lieben und genießen wir die Gewissheit, dass Barbra’s Traum Wirklichkeit wurde. Ein Märchen, von dem viel kleine Mädchen geträumt haben und dessen Verwirklichung heute immer mehr nur ein Traum bleibt.

Schauen sie sich diese DVD an – die Verzauberung ist garantiert!

(c) Werner Matrisch, 4. Mai 2010

PS: Es gibt dieses Konzert ( Untertitel in deutsch, englisch, französisch + spanisch)  ) in drei verschiedenen Ausgaben:
Normale DVD
Blue Ray DVD
DVD + CD ( Audio CD ist identisch mit DVD – Textpassagen aber gekürzt)