Gregory Porter & Lizz Wright live in der Tonhalle Düsseldorf

Ein musikalisches Erlebnis der Extraklasse

(25. November 2013)

Leser dieser Seite werden wissen, dass ich in einer kürzlichen Besprechung eine Lobeshymne über Gregory Porter und sein aktuelles Album „Liquid Spirit“ schrieb. Als ich erfuhr, dass Porter auf Tournee in Deutschland ist, war klar, dass ich sein Konzert in Düsseldorf auf jeden Fall besuchen musste. Die amerikanische Jazzsängerin Lizz Wright würde den ersten Teil des Konzerts bestreiten, was für mich unerheblich - oder nicht so wichtig war.

Wenn es denn eine Überraschung für mich gab, so kam diese bereits in den ersten Momenten des Konzerts - und zwar eindrücklich! Denn in diesem Konzert machte ich gleich zu Beginn die beruhigende Erfahrung, dass meine unbestimmten, teilweise negativen Vorurteile mich offensichtlich nicht beeinflussten, einen Auftritt der Sängerin Lizz Wright und damit ihr Können völlig neu zu bewerten - nämlich ausschließlich positiv. Ich kannte natürlich Lizz Wright schon länger - jedoch hatte mich die einzige CD die ich von ihr besaß, nicht wirklich überzeugt oder nachhaltig beeindruckt. Sicher fehlte mir da auch die konzentrierte Zuwendung. Ich bin ein Fan großer, starker Stimmen, weshalb ich auf Dauer mit „angehauchtem“ Gesang a lá Melody Gardot weniger anfangen kann. An die Gardot-Fans: ich sage damit keinesfalls, dass sie keine gute Künstlerin ist !

LizzWright

Lizz Wrights Stimme lässt sich nun überhaupt nicht mit Gardot vergleichen - aber auf den meisten Songs dieser CD klingt Wrights Stimme stark eingebettet in einem für mich zu dumpfen Sound-Kokon, der über die zurückgenomme Stimme dominiert. Was ich jetzt live aus ihrem Mund hörte, konnte ich deshalb fast nicht glauben. Dort stand eine andere Sängerin, mit völlig anderer Stimme auf der Bühne, jedenfalls war meine Erinnerung an ihre Stimme eine total andere.

Die Düsseldorfer Tonhalle hat eine fantastische Akustik, egal welche Musikrichtung dort vorgeführt wird. Für dieses Konzert entsprachen auch die Innenausstattung und Anordnung der Sitzplätze einem perfekten Jazz-Ambiente für höchste Musik-Ansprüche und Jazzfans.

Tonhalle Düsseldorf

Die Bühne war mit warmen, schwachem Licht beleuchtet. Lizz Wright und ihre Musiker: (Bass: Nicholas D'Amato, Gitarre: Robin Macatangay, Gitarre: Marvin Sewell, Schlagzeug: Brannen Temple) erschufen einen fernen, exotisch-musikalischen Kosmos. Die Umwelt war plötzlich vergessen, alle Sinne eingetaucht in diesen betörenden Klangteppich. In meiner „Nach-Euphorie“ kann ich nur betonen, dass ein solches Wunder an Klangqualität Seltenheitswert hat.

Das exquisite Klangkolorit der Lizz Wright entfaltete sich in dieser Atmosphäre mit zartem Vibrato zu immer größerer Schönheit. Kraftvoll, sicher und warm strömten Worte und Melodien aus ihrem Mund. Dabei wechselten wundervolle Balladen, pointiert mit afro-musikalischen Akzenten - sich so auch der Musik der beninischen Sängerin Angelique Kidjo annähernd - mit heißen Uptempo-Stücken, in denen der Schlagzeuger und die zwei Gitarristen mit langen, furiosen Soli auftrumpften.

Mit diesen musikalische Kontrasten - dem feinsinnigen, gefühlvollen, aber durchaus kraftvollen Gesang und den aufgeheizten, bluesigen Klängen der Gitarren - begeisterten Lizz Wright und ihre Musiker das Publikum. Am Ende ihrer einstündigen Performance sang Lizz Wright einen langen Song „a cappella“: in der Beseeltheit ihres Vortrages, in dieser völligen Hingabe erinnerte sie mich an die mächtige Stimme der großen Mahalia Jackson, die jeden Song zu einem Gebet machte. Ich weiß, dass der folgende Eindruck ein totales Klischee bemüht: während ihres Gesangs sah ich im abgedunkelten Konzertsaal vor mir die Strahlen der Abendsonne pastellartig über den Baumwollfeldern der Südstaaten liegen. Das war Lizz Wright, das war die Wirkung ihrer Stimme - und sicher hat sie nicht nur mich als neuen Bewunderer gewonnen.

 

GREGORY PORTER

Nach einer Pause, in der die Bühne ein wenig umgebaut wurde, erschienen dann unter lauten Jubelrufen Gregory Porter und seine vier Musiker: Klavier; Chip Crawford, Double Bass: Aaron James, Schlagzeug: Emanuel Harrold, Saxofon: Yosuke Satoh.

Im Zusammenspiel aller Musiker scheint beim ersten Song der Sound weniger transparent als bei Lizz Wright, aber dafür umso kompakter und voluminöser. Als Gregory Porters Bariton voller Tiefe und dynamischer Flexibilität ertönte, brach sogleich stürmischer Applaus los. Es war deutlich zu spüren, dass für ihn hier eine viel größere Fangemeinde saß, als für Lizz Wright. Seit sein Erfolgsalbum „Liquid Spirit“ im August 2013 erschien, erhielt es bereits eine Grammy-Nominierung, steht bei den Mediacontrol-Jazz-Charts auf Platz 1 und sogar in den „Popcharts“ wird es noch immer aufgeführt - sehr selten für ein Jazzalbum, denn auch mit „Crossover“ hat „Liquid Spirit“ weniger zu tun.

Ich habe Porters hervorragende drei CDs mit Hochgenuss immer wieder gehört und kenne jeden Ton. Ihn jetzt live zu erleben, hatte meine Erwartungen fast schon „extrem“ hochgeschraubt. Da stand der Künstler auf der Bühne, groß und kräftig gewachsen, in ganz ähnlichem Outfit, wie ihn sein jüngstes Erfolgsalbum auf dem Cover präsentiert. Viel ist von seinem Gesicht nicht zu sehen: unter der dunklen Schirmmütze trägt er diesen schwarzen Strickstrumpf, der Hinterkopf, Ohren, seitlicher Wangenbereich bis runter zum Kinn: alles bedeckt. Dann ist da noch der Vollbart. Zu dieser seltsamen Kopfbedeckung äußerte er sich in einem Interview, dass sie einzig und allein nur dem Wiedererkennungseffekt dient.

Dass dies bestens funktioniert, weiß man inzwischen. Die schwarze Strickstrumpfmütze ist längst sein Markenzeichen und Gegenstand einiger Diskussionen im Netz. Auch innerhalb der Jazzmusik ist solche Art vom Vermarktung zumindest für die Popularität erfolgreich, mit den entsprechenden

lukrativen Konsequenzen. Letzteres wäre nichts, was mich stört, denn Gregory Porter verdient es. Allerdings merkte ich bei Porters hinreißender Performance, dass er mir als Künstlerpersönlichkeit auf der Bühne irgendwie etwas fern blieb. Er schien so eingepackt, nicht greifbar nah. Ich muss das ehrlicherweise erwähnen, weil es mich selbst so irritiert und auch überrascht hat.

Der Saxofonist Yosuke Satoh hatte in diesem Konzert ein besondere Rolle - überragte er doch in seinem leidenschaftlichen Spiel das ganze Musikerensemble. In seiner befeuernden Begleitung formten sich Porters Vokale zu hochjazzigen Gesangsereignissen. Gregory Porter forderte Yosuke Satoh auch wiederholt zu ausufernden Soli auf. Satoh's Spiel war zweifellos von atemberaubender Virtuosität. Seine Technik makellos und bewunderungswürdig - in immer höhere Höhen schraubten sich seine schon „akrobatisch“ anmutenden Saxofon-Linien. 

Es gab Momente höchster Steigerung, in denen seine Exkursionen Töne erzwangen, die einer beschädigten Trillerpfeife mehr ähnelten als einem Saxofon-Oberton. Die staccatoartige Wiederholung solcher Töne entfachte natürlich Begeisterungsstürme. Bei allem Können: mir war das ein wenig zu viel „Show-Act“.

Ich genoss das Konzert besonders, wenn mit Songs wie „Hey Laura“ oder „I fall in love so easily“ wieder balladeske Ruhe einkehrte. Hier glänzte Gregory Porter mit der puren Schönheit und Wärme seiner Stimme und feinster, tiefer Ausarbeitung der Melodien. In meiner CD Kritik schrieb ich zu „I fall in love so easily“ :Mit ungezügelter Gestaltungsintensität dringt er im hohen Register an seine vokalen Grenzbereiche. Das war in der Liveversion dieses Songs so leider nicht zu hören. Sonst blieb Porter zumindest in diesem Konzert bei vielen Songs in seiner vokalen Interpretation immer sehr nah an seinen CD-Aufnahmen. 

Der auffälligste Unterschied zu den Studioaufnahmen bestand meiner Ansicht nach deshalb nicht im Singen Porters, sondern hauptsächlich im Einsatz des Saxofons, dem live natürlich weitaus mehr Raum gewährt wurde. Ich hatte mir vorgestellt, dass Porter live stärker improvisieren würde.

Aber der „Worksong“, „Liquid Spirit“ und besonders „1960 What“ groovten heiß und heftig. Hier war es: das unwiederholbare Live-Erlebnis, in dem man sein faszinierendes Blues-und-Soul-Talent nicht genug bewundern konnte. 

Nach einer knappen Stunde holte Porter die wunderbare Lizz Wright zurück auf die Bühne. Gemeinsam interpretierten sie die Donny Hathaway Komposition: "Some Day I'll Be Free". Mit diesem Duett boten Porter & Wright dem Publikum eine wahre Genietat harmonischen Soulgesangs. Was seinerzeit in den Siebzigern von Donny Hathaway auf seinem sehr empfehlenswerten Album „Extension Of A Man“ (1973) zuerst eingesungen wurde, fand in diesem Duett eine berauschend schöne Wiederholung.

Diesem krönenden Konzertabschluss musste eine Zugabe folgen, denn die Publikumsbegeisterung war anhaltend und ungezügelt. Gregory Porter kam allein zurück auf die Bühne und sang die traurige Ballade von unerwiderter Liebe: „Be Good“(Lions Song). 

Ein letztes Mal konnte er die Menschen mit seiner charismatischen Stimme verzaubern.

 

(c) Werner Matrisch, Köln, 29. November 2013

 

Werner Matrisch -  Gregory Porter