Jamie Cullum - Musik ist seine Droge

 Live im Alten Wartesaal Köln (15. April 2013)

Fans oder strenge Musikjournalisten: nicht Wenige halten ihn längst für ein Genie. Der internationale Durchbruch kam für Jamie Cullum 2003 mit dem Album „Twentysomething“. 

Cullum „live in concert“ zu erleben, sollte für den Sammler oder Liebhaber seiner Alben eine zwingende Erfahrung sein - wobei die Betonung auf „zwingend“ durchaus unterschiedliche Reaktionen oder Betrachtungsweisen beinhalten kann. Ich habe seine Alben und beurteile auch diese sehr unterschiedlich - weil sie sehr unterschiedlich sind. Zwischen „Pointless Nostalgic“ (2001) und „The Pursuit“(2009) liegen musikalische Welten.

Gemäß der Ankündigung für dieses kleine Konzert im total ausverkauften Alten Wartesaal, stellte Cullum neben älteren Stücken Songs seiner neuen CD „Momentum“ vor, die Ende Mai erscheinen soll. Anschließend geht der großartige, kleine Sänger und Musiker auf Welttournee.

Nachdem Nick Mulvy ca. eine halbe Stunde schlicht und schön mit folk-poppigem Gitarrenspiel und angenehmer klarer Stimme das Vorprogramm gestaltete, (er spielt auch im Vorprogramm bei Jazzerin Diana Krall 22. Juli, Lyon) erschienen Cullums Musiker und der Meister selbst auf der Bühne.

Ich merkte schnell: Cullum ist ein Künstler, der sich bereits beim ersten Schritt auf die Bühne, bei den ersten Noten die er singt, mit explodierender Wucht verausgabt – überspitzt ausgedrückt. Sein Performance-Temperament erinnert dabei an die Attitüden britischer Hardcore-Rocker, die blindwütig ihre Gitarren zerschlagen - allerdings ohne deren Aggressivität. Er ist freundlich, sympathisch, tanzt wie ein Derwisch über die Bühne, spricht sein Publikum sofort „auf Augenhöhe“ an und verbreitet gute Stimmung. Schon beim zweiten Song steht Jamie hoch auf dem Flügel. Ein kurzer geübter Blick checkt den Abstand zum Boden, und effektvoll schwingt er sich mit erhobenen Armen nach unten. Das macht er nicht zum ersten Male.

Musikalisch zeigt sich in Cullums Konzert, dass der vielleicht wichtigste Faktor die Improvisation ist, der er sich geradezu obsessiv widmet. Die Stücke klingen anders und länger als auf CD, obwohl er dort schon glänzt, vor allem mit seinen eigenwilligen Coverversionen.

Live in concert ist Cullum immer übersteigert - er präsentiert seine Kreativität impulsiv und überraschend. So hinterlassen auch sehr bekannte Titel einen frischen Eindruck und begeistern auf neue Weise. Im zweiten Teil des Konzerts, nachdem er sich anscheinend auch körperlich genügend ausgetobt hat, erreicht Jamie mit seiner Musik eine qualitativ höhere, differenzierte Stufe - wobei seine Songs auch schon vorher viel Spaß gemacht haben. Rihannas „Don't stop the music“ ufert zur komplexen Mammutnummer mit wunderbarem Klavierspiel und eingestreuten, vokalistisch spannenden, ungewohnten Sequenzen. Nahtlos verbindet sich das Stück am Ende mit einem Song von der neuen CD „Momentum.“

Jazzliebhaber wurden hauptsächlich wegen seiner ersten CDs auf Jamie Cullum aufmerksam. So wie er blutjung auf „Pointless Nostalgic“ und „Twentysomething“ Jazzstandards mit neuen Arrangements, Ausdruck und tiefbrüchiger Stimme sang, die im krassen Gegensatz zu seinem Babyface stand – musste er sogar jeden Jazzkritiker beeindrucken.

Inzwischen ist er musikalisch weit gewandert, lies sich mit neueren Alben viel Zeit, weil „ nur gut Jazz singen“ ihm nicht reichte. Den Höhepunkt an Soundbastelei, intelligenter und experimenteller Vermischung von Pop, Rock, Indie, sowie leider immer weniger Jazz - erreichte er mit seinem letzten Album „The Pursuit“, (zu deutsch bezeichnender Weise „Das Streben“). Und jeder konnte es hören: Dies war ein ganz anderes, fast avantgardistisches Musik-Kaliber als nur bloßes „Crossover“.

Der „Musiker" Jamie Cullum hat mich in diesem Konzert vollends begeistert und überzeugt. Als „Sänger“ blieb er für mein persönliches Empfinden mit Stimme und Gesang ein wenig hinter. seiner ansonsten großartigen Performance.

Zugunsten dieser andauernden berauschenden körperlichen Entfesselung, zu Gunsten extremer Lautstärke und aller ekstatischen Verzückung wirkte Stimme und Gesang auf mich flüchtiger und weniger präsent als auf seinen CDs. Sicherlich ist dies erst bemerkbar, wenn der Fokus ganz auf Stimme und Gesang gerichtet wird. Ich mache das immer, weil die Stimme für mich das faszinierendste Instrument überhaupt ist. An emotionaler Ausdrucksmöglichkeit und Wahrhaftigkeit jedem herkömmlichem Instrument überlegen.

„Pointless Nostalgic“ bleibt für mich deswegen mein liebstes Album, weil er als Jazzsänger niemals mehr mit diesem hohen Gesangsniveau auf späteren CDs in Erscheinung getreten ist. Jamie sagte in einem Interview: „Ich habe von Sängern wie Mark Murphy, Kurt Elling, Jon Hendricks und Big Joe Williams gelernt; also nicht von irgendwelchen Durchschnittsleuten, sondern von den Meistern“.

Auf „Pointless Nostalgic“ und auch noch auf „Twentysomething“ macht er diesen Meistern alle Ehre. Danach wurden andere musikalische Sichtweisen für ihn wichtiger.

Er sang in Köln auch den Song „Standing Still“. Bei uns wurde der Song in der Version von Roman Lob sehr populär. Cullum sang den Song nach einigen verzehrenden, lauten Stücken. Er wirkte noch etwas atemlos und minimierte die Melodie, indem er sie eher „ansang“ als „aussang“. Sein Gesang war zurückgenommen und gefühlvoll, geriet aber in die Nähe von Sprechgesang – ich fand es für das Lied unzulänglich. Ich fühlte, es berührte mich nicht so, wie es sollte und ich kann keinesfalls sagen, dass Jamies Interpretation dieses Songs besser war als die Vorstellung von Roman Lob beim Eurovision Songcontest.

Sicher spielt bei meiner Beurteilung seines Singens und der Klangqualität seiner Stimme auch der Sound eine große Rolle. Es schien: die Lautstärke war bei diesem Konzert offensichtlich die unabdingbare, erste Priorität. Ich habe selten in einem Konzert ein solches Übermaß an Übersteuerung gehört. Mag sein, dass es von anderen Konzertbesuchern durch die allgegenwärtige grenzwertige Lautstärke nicht so wahrgenommen wurde – getäuscht habe ich mich nicht. Ging Cullum bei leisen, sehr dunklen Tönen hautnah ans Mikro kamen augenblicklich Brummgeräusche. Bei lauten sekundenlang gezogenen Endnoten eines Songs, hallte Echo nach. (Sollte so sein?) Abgesehen von der häufigen Übersteuerung war ein andauernder Brumm- oder Summton unüberhörbar. Das war alles leider sehr unprofessionell. Beim Vorprogramm mit Nick Mulvy war der Sound übrigens absolut sauber und klar.

Der „Jazz“ so konnte man sich auch im Konzert überzeugen, ist weiterhin ein wichtiger, wenn auch inzwischen mehr zurückgedrängter Bestandteil in seiner Musik. Jamies improvisierte voluminöse Pianoakkorde- und Läufe und die direkt ins zentimeternahe Mikrofon geblasene Trompetentöne brachten immer wieder Phasen von Jazzakzenten. Aber vordergründig im Konzert war oft der höllische Drive und Funk, der sich irgendwann nicht mehr steigern lies und deshalb manchmal zum minutenlangen, laut stampfenden, sehr mainstream-orientierten Rhythmus wechselte - bei dem dann alle Besucher in totaler Begeisterung in die Höhe hüpften oder tanzten.

Wie schon andere Cover wird auch der Cole-Porter-Jazzklassiker: „Just one of those things“ von Cullum und seinen Musikern vertrackt und komplex verändert, improvisiert und veredelt. Hierbei standen Bassist, Trompeter, Saxophonist und Cullum direkt vorne an der Bühne und musizierten in besserer, weil etwas leiserer Tonqualität, hochexplosiven Jazz.

Zuvor war schon ein anderer Portersong vorgestellt worden. Den unsterblichen, in hunderten Versionen gecoverten Prostitutionssong „Love for Sale“ präsentierte Jamie Cullum als düster pulsierende Punk-Rock-Jazz-Nummer, teils mit elektronischen Klängen vermischt. Hart, laut und sehr eigenartig. Adäquat zum finsteren Video, in dem ein alter Mann das fühlende Herz eines jungen Mannes nimmt und es gegen eines aus Stein austauscht. Wer das Video kennt, weiß was ich meine. Er selbst sagte einmal über seine Cover: „Alle diese Popsongs habe ich neu durchgearbeitet, mit neuen Harmonien – es sind keine Coverversionen, sondern Neu-Interpretationen.“

Bleibt am Ende eines überwiegend eindrucksvollen und berauschenden Konzerts zu sagen:

Cullums Droge ist die Musik, der er sich in exzessiver Weise hingibt. Von selbstzerstörerischen Anzeichen, wie bei Joplin, Jimy Hendrix oder Jim Morrison kann bei Cullum jedoch keine Rede sein. Jamie Cullum fungiert humorvoll, lustvoll, urgewaltig, wild- und selbstbegeistert! Aber ohne die typische Selbstdarstellung, sondern immer ehrlich auf der Suche nach neuen Klangexkursionen und Erfahrungen.

 

Fotos und Text: Werner Matrisch,  Köln 16. April 2013