MAX MUTZKE & monoPunk

Voller Leidenschaft - Max Mutzke & monoPunk:

Über die CD „Durch-Einander“, das Konzert und die Live CD.

Von den meisten deutschen Sängern, die in den letzten Jahren populär und erfolgreich wurden, konnte ich bei Max Mutzke - künstlerisch gesehen – bis heute sicher die erstaunlichste Entwicklung verfolgen. Seit er 2004 von Stefan Raab entdeckt und gefördert wurde, später beim Eurovision Song Contest im gleichen Jahr einen erfolgreichen achten Platz errang, habe ich immer wieder in seine CDs gehört, mich aber nie entschließen können, eine davon zu kaufen.  

Sein ganz besonderer Stimmklang, sein intensiver, sehr eigenwilliger Gesangsstil, den ich bei diversen YouTube Videos beobachtete, (meistens unveröffentlichte Aufnahmen - interessante Cover von Livesessions), all das fand ich bei seinen CDs nicht wieder. Das jeweilige ihn begleitende musikalische Instrumentarium war mir immer zu stark aufgeblasen, mainstreamig, radiotauglich und gefällig. Das Besondere, die manchmal sogar „sperrige“ Art seines Singens, war mir zu sehr abgedeckt, abgemildert - schlicht verloren gegangen. Kurz: diese CDs, bei sicher oft interessanten Songs und Texten, wurden für meinen Geschmack zu „verbraucherfreundlich“, also leicht konsumierbar produziert.

Das hat sich radikal geändert, seit sein fünftes Studioalbum „Durch-Einander“ im September 2012 erschien. Mit dieser mutigen, kreativen und deutlich jazzorientierten Produktion konnte Max Mutzke mich sofort überzeugen. Mit der Einbeziehung bekannter Musiker und großartigen Jazzern

von Klaus Doldinger bis Nils Landgren - um nur die Prominentesten zu erwähnen - gelang Mutzke ein hochspannendes und im Hinblick zum gängigen, deutschen Popmusik-Markt schon „innovativ“ zu nennendes Album. Es spricht für das Können der Musiker, und letztlich für die Güte und Frische des Albums, dass alle Musiker gemeinsam im Studio waren, dass in „First Takes“ aufgenommen wurde und nachträglich eingespielte „Overdubs“ auf ein Minimum reduziert wurden. So muss Musik gemacht werden!

Aktuell in der Zusammenstellung von unterschiedlichstem Material eigener und fremder Kompositionen, (Ideal, Billy Preston, Marvin Gay, Anette Humpe, Kenny Gamble & Leon Huff, Die Fantastischen Vier/Thomas D, Leon Russel, Jay-Z, Sebastian Madsen, Radiohead, Selig, Klee), ausgestattet mit ideenreichen, soulig-jazzigen Arrangements und mit der Ausnahmestimme Mutzkes, ist dieses Album aufsehenerregend gut. Die Belohnung folgte schon kurze Zeit später: „Durch-Einander“ wurde mit dem Platin-Echo-Jazz-Award ausgezeichnet. Für 20.000 verkaufte Exemplare.

Im April 2013 passierte dann die relative Seltenheit: Nur knapp sieben Monate nach Erscheinen von „Durch-Einander“ präsentierte Sony nach den vielfach begeistert gefeierten Liveauftritten und dem großartigen Presse-Echo bereits die Konzert-CD „Max Mutzke live/feat. MonoPunk“. Eine zweite Seltenheit ist, dass diese Live-CD dann in mancher Hinsicht tatsächlich die Studio-CD „Durch-Einander“ an musikalischer Qualität und vor allem an „Jazzgehalt“ noch übertrifft. Dass man für diese Live-CD sorgfältig die besten Songversionen aus verschiedenen Konzerten kombinierte, ist erstens nicht unüblich und zweitens legitim. Manchen Mutzkes-Fans gefiel das nicht - aber ich meine, die Musik ist deshalb nicht weniger authentisch, als hätte man auf der CD nur ein komplettes Konzert mitgeschnitten. Mit der Auswahl der „besten“ Livetitel waren nicht nur das musikalische Niveau sondern auch die möglichst beste Soundqualität gewährleistet.

Dass Mutzkes Live-CD intensiver und mitreißender wurde als das Studioalbum liegt zunächst ganz klar an Mutzkes Drang und Fähigkeit, sich in der Liveperformance ekstatisch steigern zu können, aber auch gleichrangig an seiner dynamischen Begleitband „monoPunk“. Sie besteht aus den drei hochbegabten Musikern, Maik Schott, keyboard, Danny Samar, bass, Tobias Held, drums, die, obwohl sie eine so kleine Formation sind, ein Wunder an kompakter und elektrisierender Klanglandschaft darbieten. Maik Schott kenne ich schon länger, weil er in der Roger-Cicero-Big-Band sich in der Nachfolge von Bandleader und Pianist Lutz Krajenski in vielen Konzerten längst auf hervorragenste Weise etabliert hat.

Ich sah Mutzkes aktuelles Liveprogramm mit „monoPunk“ zuerst im November 2012 im Kölner Stadtgarten. Auch wenn ich damals nicht dazu kam, trotz meiner Begeisterung über das Konzert eine Rezension zu schreiben - aus welchen Gründen auch immer - wusste ich doch, dass dies niemals das letzte Konzert von „Max Mutzke feat. monoPunk“ sein würde.

Jetzt sah ich sie wieder - am 5. Oktober in der Kathrin-Türks-Halle in Dinslaken. Ich wurde nicht enttäuscht, auch wenn soundmäßig bisweilen zu dick aufgetragen wurde. Leider gab es Passagen, in denen der Bass unschön dröhnte und die Stimme von Max fast übertönte: sie klang dumpf und entfernt. Auch die Töne, die Maik Schott erzeugte - der Mann ist ausgebildeter Organist und ein wahrer Magier am Keyboard, Piano oder Hammondorgel - klangen manchmal etwas verzerrt, auch wenn sie es nicht sollten, zum .Beispiel deutlich beim Intro zu Beginn des Konzerts.

Zumindest durchdringend und nicht wirklich angenehm aber sollten solche Töne absichtlich beim vielleicht wichtigsten Song des Konzerts, nämlich bei „Durcheinander“ klingen ! Max gibt eine Einführung in den Song: Er erzählt, wie schmerzhaft die Erfahrung war, die Krankheit zweier seiner Freunde und Musiker miterleben zu müssen. Es geht um Depression, Schizophrenie und wie in der Öffentlichkeit damit umgegangen wird - nämlich dass solche Schicksale leider immer noch viel zu sehr als Tabu in der Gesellschaft angesehen und so behandelt werden.

Durcheinander“ ist ein extrem ungewöhnlicher Song mit asymetrisch anmutenden Strukturen. Maik Schott durchsetzt den Song in der Liveversion mit verstörend vibrierenden Synthesizerklängen, die akustisch verdeutlichen mögen, was sich im Gehirn Betroffener bei fortgeschrittener Depression qualvoll abspielen mag. Jedenfalls hatte ich dieses Empfinden. Besonders am Ende des Songs fräsen sich diese stechenden Töne lange und geradezu schmerzlich in den Gehörgang und wirken nach.

Max Mutzke schafft es bei diesem Song mit brüchig klingender Stimme eine Atmosphäre von Vereinsamung bis zur totalen Isolation, Orientierungslosigkeit und Leere enstehen zu lassen. Das wird dem Song nur allzu gerecht. In seiner emphatischen Interpretation konnte ich nachvollziehen, wie Menschen sich fühlen müssen, wenn sie vollkommen den Boden unter ihren Füßen verlieren, wenn es keinerlei Halt mehr für sie gibt und ihre mentale Verwirrung sie in ein tristes, lebensfeindliches „Nichts“ taucht, aus dem es kein Entrinnen und keine Hoffnung gibt.

Auf belebende Weise ebenso emotional klingt sein stürmisches Liebesbekenntnis voll offener Erotik und Leidenschaft im Song „Schwarz auf Weiss“. Geschrieben hat er das Lied für seine farbige Freundin und Mutter seiner Kinder. Vorwärtstreibender Rhythmus - da mischt sich Reggae heftig mit Soul und Jazz. Wie man auch Sprechgesang ungeheuer musikalisch und glutvoll vokalisieren kann, (denn das ist es, wenn man mal vom Refrain des Songs absieht), zeigt Max Mutzke hier auf atemberaubende Weise. Dass Max auch perfekten RAP hinlegen würde, bedarf keiner Frage. Ich bin froh, dass er es noch nicht macht.

Der meiste RAP, den man hört, tötet „jegliche Schönheit in der Musik“. Kein anderer Musikstil lässt mich mehr leiden. Ich entwickelte eine lebensgefährliche Allergie im gleichen Maße, wie RAP nun schon über Jahre populär ist und anscheinend immer noch populärer wird. Denn Jeder, der nicht singen kann, aber die Umwelt unbedingt mit seinen Befindlichkeiten beglücken möchte, macht RAP - und das sind Viele! Bildlich gesehen muss man sich das so vorstellen: Ich laufe durch eine imaginäre Gasse, rechts und links stehen jeweils fünfzig Kerle die mit dicken Holzknüppeln unausgesetzt auf mich einschlagen: So in etwa ist mein persönliches Empfinden für RAP. Die textlichen Aussagen sind dann nochmal eine andere Sache......

Überrascht hat mich dann auch Max' furioser Scatgesang bei „High on your love“. Dieser Titel geht über sieben Minuten und entspricht am eindeutigsten dem Genre „Jazzmusik“, wenn man Mutzkes Livekonzert zunächst sehr vordergründig nach den bekannten Kriterien des Jazz beurteilen will. (Ein Freund meinte nach dem Konzert zu mir: Ich dachte, das wäre ein „Jazzkonzert“, aber das war doch viel mehr Pop und Soul). Maik Schott und Schlagzeuger Tobias Held haben bei „High on your love“ ihre längsten „klassischen“ Jazzsoli und viel Improvisation im Spiel. Sowohl von Max' Gesang her, als auch im Arrangement und Begleitung von monoPunk ist „High on your love“ totaler Jazz - was man so klar von keinem anderen Song des Konzerts sagen kann. Aber die Grenzen der verschiedenen Genres sind fließend - das zeigen Mutzke und monoPunk Song für Song in diesem Konzert - wäre es anders, würde Musik recht langweilig und unflexibel.

Sein alter Song „Marie“ (englisch gesungen) - bekommt in der Liveversion ein betont jazziges Gewand, angeführt von Maik Schott mit swingendem Piano. Auch bei „Weil ich dich liebe“ swingen der Bass und das Keyboard temperamentvoll in allen Jazz-Klangfarben - der harte Beat von Drummer Tobias Held klingt allerdings viel mehr nach Rock und Pop. Der Jazzfan und Jazzkenner hört aber schnell, dass monoPunk in ihrer funkig-improsivativen Spielweise bei fast allen Songs immer wieder unterschiedlichste Jazzelemente einfließen lassen.

Max' Stimme und Gesangstil halte ich, wie schon erwähnt für besonders eigenwillig aber nichtsdestotrotz eindrucksvoll und unverwechselbar. Eigenwillig deshalb, weil er immer „in einem“ hart, kantig, rauh und gleichzeitig sehr emotional klingt. Fast abrupt stößt Max seine Töne bei uptempo Songs wie unter großem Druck hervor. Blitzschnell kann er zur Kopfstimme wechseln – das macht er gut und pointiert. Seine unverfälschte Naturstimme hat einen belegten, manchmal brüchigen oder fast heiseren Klang - und in den Höhen klingt er gepresst-kehlig. Da würde ich sogar Vergleiche zu Ray Charles und Joe Cocker heranziehen.

In seinem komplett vokalen Ausdruck - so wie er seine eigenen Songs aber auch Cover interpretiert - ist Max Mutzke viel stärker ein Soul-, Blues-, Pop -und Rocksänger denn ein „Jazzsänger“ mit den bekannten Attributen. Mutzkes Stimme klingt „schwarz“ und ausgehend vom Soul der 60er und 70er, hat er bis heute seinen eigenen Soulstil beträchtlich weiterentwickelt, variiert seinen Gesang aufregend mit unterschiedlichsten Hip-Hop-Anklängen und liebäugelt bei Balladen mit Jazzphrasierung. So wie ich es höre, ist Max ein Sänger der immer auf den „Beat“ singt und weniger auf „Noten“, welche die Melodie bestimmen.

Deshalb klingt sein Gesang bei Uptempo-Stücken auch immer etwas abgehackt. Damit unterstreicht Max sehr publikumswirksam den Rhythmus noch massiver als er ohnehin ist. Auch sein Scatgesang ist rein rhythmisch auf den „Beat“ bezogen und formuliert weniger eine Melodie. Im Vergleich zu ihm durchläuft zum Beispiel der Scatgesang von Roger Cicero virtuos mehrere Oktaven. Es kommt also bei Cicero zu einer improvisierten Melodie. Was den Jazzgesang betrifft, ist natürlich Cicero nochmal ein ganz anderes Kaliber. Das beweisen nicht nur seine diesjährigen Jazzkonzerte, sondern bereits seine CD-Einspielungen mit der Jazzformation „After Hours“ und Julia Hülsmann, 2005/2006.

Aber es kommt mir nicht darauf an, wer was besser kann als ein anderer. Wichtig ist die künstlerische Qualität und Authentizität eines Künstlers - er muss er selber sein. Für mich ist Musik eine Kunstart, und innerhalb der Kunst sollte es nicht um „Wettbewerb“ oder „Ranglisten“ gehen , auch wenn die seuchenartigen Castingshows mit ihren zum Teil inkompetenten minderbegabten Juroren wie unter anderem Nena und Alina Süggeler von „Frida Gold“ genau dies betreiben. Solche „Juroren“ sind an dem Platz, weil sie populär sind - jedoch besonders Letztere ist so untalentiert, ihre Musik so unbedarft, dass es mich fassungslos macht. Wir haben zur Zeit gute männliche Talente mit fantastischen Stimmen in der deutschen Musikszene. Wenn ich Max Mutzke, Johannes Oerding, Mic Donet, Volkan Baydar und Roger Cicero in Konzerten höre, muss ich gestehen, zur Zeit nicht ein einziges weibliches Pendant in Deutschland nennen zu können, welches solche komplexe, künstlerische Qualität aufweisen kann wie die genannten Sänger!

Was ich mir in diesem Konzert noch etwas mehr gewünscht hätte, sind Balladen, die Max hochsensibel und natürlich wieder unverwechselbar gestaltet. „Me and Mrs. Jones“ sang er auf der Live CD mit Luise von Saint Lu und sein Bruder Menzel Mutzke komplettierte die Aufnahme mit seinem Trompetensolo zu einem kleinen Meisterwerk. Diese Version gefällt mir noch besser als die Studioaufnahme, mit Cassandra Steen im Duett. Jetzt im Konzert bestritt er den Song allein, und es war erstaunlicherweise nicht weniger eindrucksvoll und intensiv.

Mit „Singing my song for you“ hat sich Max eine der schönsten Soulballaden überhaupt ausgesucht, und alle Versionen die ich kenne (auf Durch-Einander und bei YouTube) sind Glanzstücke. Nicht anders im Dinslakener Konzert. Man muss ihm nur atemlos zuhören und ist traurig, wenn der Song vorbei ist. Als Max dann am Ende „You are so beautiful“ singt, konnte ich kaum berührter sein. Mit all den Klangfarben in seiner Stimme, den grandiosen Soul-Paraphrasen beim ausklingenden Song war er und der Klang seiner Stimme wirklich „a guiding light that shines in the night“ - wie es in einer Zeile zum Song heißt. Joe Cocker schrieb die klaren und ebenso schlichten wie schönen Lyrics.

 

Auf der Bühne ist Max Mutzke mit seiner freundlichen, unaufgesetzten und lockeren Art sofort ein Sympathieträger. So wie er publikumsnah redet, gewinnt er augenblicklich die Besucher, von denen viele nicht zum ersten Male dabei sind. In Dinslakener Konzert wurde mit über 400 Besuchern längst „Clubkonzertgröße“ gesprengt. So wie die Menschen beim an Peter Fox anmutenden Song „Sommerregen“ oder dem höllisch fetzigen „Empire State of mind“ hingerissen aufsprangen und „ihren Emotionen freien Lauf ließen“ (Max schreibt im Booklet seines Livealbums, dass er sich das genau so wünscht), kann es keinen Zweifel geben: Sie kommen wieder, weil sie wissen, dass die Konzerte von Max Mutzke & monoPunk mit jedem Male ein neues Erlebnis sind - ihre Musik ist sozusagen ein sich stetig wandelnder, kreativer, neu begeisternder „live in progress“ Prozess. Bleibt nur noch zu sagen: Dieses Konzert bewies wieder einmal: Gute Musiker sind live am besten.

 

© Werner Matrisch, Köln 12. Oktober 2013

Dank an Achim Held für seine großartigen Fotos !