Robin McKelle - Innovative Interpretationen von Jazzstandards
Robin McKelle und ihr Trio im Alten Pfandhaus, Köln
(19. November 2008)

Der Konzertsaal im Alten Pfandhaus, Köln ist erfüllt von zarter und kapriziöser Weiblichkeit wenn Robin McKelle, tänzelnd und rhythmisch versunken zur Musik, sich ihrem Publikum nähert. Oftmals sind ihre Bewegungen nur sehr reduziert aber trotzdem ungemein intensiv: sie singt mit ihrem ganzen Körper. Rothaarig, attraktiv und sehr gewitzt, war ihr von Anfang an der Kontakt zur Zuhörerschar sehr wichtig. Es gibt Künstler, die sich einen ganzen Abend nicht vom Fleck bewegen, und die scheinbar für sich selbst singen - nicht so Robin McKelle. Immer wieder entfernte sie sich von ihrem Trio, um sich den Mikrophonständer zu greifen, und mitsamt den Kabeln und trotz ihrer exorbitanten „hight heels“ durch den Saal zu trippeln.
Man konnte fühlen dass Robin bewusst FÜR ihr Publikum sang. Sie drehte und wendete immer ihren jeweiligen Standort, damit jeder Gast ihr ins Gesicht schauen konnte. Sie wollte jeden einzelnen Zuhörer erreichen, jeder war ihr wichtig genug. Jeder sollte ihren Song körperlich nahe erleben!
Dabei brachte sie auf humorvolle Weise viel Erotik mit ins Spiel. Besonders bei „Mad about the boy“ und dem lasziv-jazzigen „Bei mir bist du schön“. Aber das geschah niemals plump, sondern immer augenzwinkernd und mit entwaffnender Koketterie. Selbst dann noch, wenn sie sich bei einem Gast auf den Schoß setzte und ihm über den lichten Haarschopf streichelte.
Was aber viel wichtiger war: die junge Jazzsängerin Robin McKelle bewies bei ihrem Konzert im Alten Pfandhaus, Köln, dass sie sicherlich innerhalb der ständig wachsenden Garde neuerer Jazzsängerinnen zu denjenigen gehört, die einen moderneren Vocal-Jazz-Stil beherrscht und pflegt, als nur revivalartig Standards einzusingen. Auch in die Nähe des populären „Bar-Jazz“, der so angenehm bei einem Gläschen Rotwein zu konsumieren ist, gerät ihr differenzierter und stark individualistischer Jazzgesang niemals.
Eine Menge klassischer Jäzzsängerinnen (Ella Fitzgerald, Billie Holiday, Nina Simone, Carmen McRae) mögen bei Robin Pate gestanden haben und an denen sie gelernt hat. Eindeutig kennt sie die Geschichte des Jazzgesangs. Ich sehe auch eine besondere Verwandtschaft mit der größten weißen Jazzvokalistin Anita O’Day, (1919 - 2006) deren frühe Modernität und bemerkenswerte Schnelligkeit im Vortrag Robin McKelle sicher inspirierten. Beide verfügen über kein außerordentliches Stimmvolumen, aber sie beherrschen ihre Stimme mit unglaublicher Schnelligkeit und zeichnen sich aus durch eine raffinierte Phrasierungskunst. Ebenso wie bei Anita O’Day ist die vorherrschende Klangfarbe der Stimme von Robin McKelle, rauchige Spröde und Wärme zur gleichen Zeit. Immer klingt sie intensiv und interessant - niemals lieblich oder nur gefällig.
Die in Paris lebende New Yorkerin konnte in ihrem geliebten Gastland bereits große Erfolge feiern. Ihr neues Album „Modern Antique“, immerhin erschienen beim Kultlabel „Blue Note“, war im Mai dieses Jahres an der Spitze der dortigen Jazzcharts. Sie sei die Swing-Sensation des Jahres, hieß es, und weiter: „Frankreich liegt ihr zu Füssen“. Leider hat man von Robin McKelle bei uns bisher noch nicht so viel gehört, und ich hätte ihr wesentlich mehr Zuschauer als nur die ca. Achtzig gewünscht, die ins Pfandhaus gekommen waren.
Auf ihren zwei CDs hat Robin eine große Big Band hinter sich. Sie singt Jazzklassiker und mit dem Sound der - wenn auch modern arrangierten Big Band - denkt man gerne an die Swing-Zeiten der 40s und 50s. Im Alten Pfandhaus wurde sie nur von ihrem Trio begleitet, und automatisch erhielt jeder Song, auch wenn er ein noch so populärer Evergreen ist, einen viel zeitgemäßeren Ausdruck. Zudem ihr Trio nicht von schlechten Eltern ist. Der Schlagzeuger Jeremy Clemons war im Spiel der „härteste“ den ich bisher gehört habe. (Intern hörte ich, dass er „Stoff“ wollte. Er bekam ihn nicht, und haute deshalb vielleicht so heftig und steinhart auf die Pauke!?). In vielen instrumentalen Passagen beeindruckte das Trio mit ungewöhnlichen musikalischen Einfällen. Pianist Alain Mallet und Bassist Peter Slavov hatten wunderbare Zwischenspiele von filigraner Kreativität, die von Robin, durch ihre Körpersprache sichtbar gemacht, verinnerlicht wurden. Die Verbundenheit mit ihrem Trio war offenkundig.
Modernität in Robin McKelles Interpretationen hatten eindeutig Vorrang. Selbst die Kenner der Jazzklassiker und des All American Songbooks, dürften viele Songs erst sehr spät erkannt haben. Was Robin auch immer singt: es ist reinster Jazz. Bereits am Beginn eines Songs improvisiert sie die Melodie, und nicht erst später. Der ganze Song ist im Grunde eine intelligente Abstrahierung des Themas. So brachte sie von fast allen Jazzklassikern anspruchsvollste, innovative Versionen, die trotz aller Modernität grundmusikalisch blieben. Bei George Shearings Jazzhit „Lullaby of Birdland“ war sie schon längst in ihrem ungemein variationsreichen Scatgesang versunken, als ich merkte, um welchen Song es sich handelte.
Ihr Scatgesang ist lässig, und unglaublich schnell. Kaskadenartig flirren ihre Noten geschmeidig durch den Raum, Luftschlangen gleich, die sich immer wieder neu verdichten, ringeln oder entspannen. Das geschieht zudem mit höchster Virtuosität und einer zeitlichen Ausdauer, die verwundert und begeistert.
In den Balladen “Lover Man“, „Save your Love“ und besonders mit Billie Holidays schwermütigen „Don’t explain“ zeigte Robin McKelle große Gefühlstiefe und Reife. In feinen Intervallen steigerte sie das Stück über viele Minuten hinweg. Den Grad der Intensität ihrer Performance konnte man hier sehr gut an der hörbaren Stille nach Beendigung spüren. Die Sängerin legte das Mikro zurück auf die Halterung, und blieb in entrückter Haltung eine Weile still stehen. Zumindest für die gerade vergangenen Minuten hatte sie das Publikum in eine andere Welt versetzt.
Sängerische Vielseitigkeit zeigte Robin McKelle dann auch mit Bluestiteln, wie z. B. Nina Simones „Go to hell“, wo sie mit erdiger Impulsivität und größerer Stimmkraft überraschte. Mit wachsendem Volumen bekommt ihre Stimme eine größere Rauheit. Immer wieder suchte sie den Draht zum Publikum und verstärkte dessen Einbeziehung besonders beim Blues „Everybody Knows“, wo sie zum gemeinsamen Mitsingen humorvoll aufforderte.
Zum Schluss saß Robin mit ihrer letzte Zugabe dann allein am Piano. Sie spielte und sang eine Eigenkomposition. Ein schöner, ruhiger Titel der etwas an Joni Mitchell oder Rickie Lee Jones erinnerte und somit nochmals eine neue Facette der sympathischen Sängerin zeigte.
Werner Matrisch, 20. 11. 2008