LERNEN UND FÜHLEN DURCH MUSIK

 „WEGGEFÄHRTEN“ 
Ein Buch von Roger Cicero ( erschienen Oktober 2010)

Cicero's Buch beinhaltet zunächst ein eher ungewöhnliches Konzept, indem er in teilweise großer Ausführlichkeit Künstler mit ihren Musikstücken vorstellt und sie mit seiner eigenen Lebenssituation konfrontiert. Das ist vor allen Dingen sehr persönlich, unverfälscht und von größter Offenheit, wenn nicht sogar Intimität. Das betrifft am Anfang des Buches insbesondere die Schilderungen, in denen es um seinen Vater Eugen Cicero geht. Seine Sprache bleibt klar – seine Empfindungen sind immer nachvollziehbar. Die biographischen Bekenntnisse zum Vater, zu gewesenen Liebesbeziehungen und zu seiner jetzigen Familie sind von großer Ehrlichkeit und auch Emotionalität - aber trotzdem auch schlicht und knapp gehalten. Die Musik bleibt das große Hauptthema des Buches.

Man erfährt als Leser, wie Cicero denkt, fühlt – kurz „wie er tickt“ und wie er von der Musik und seinen großen Vorbildern beständig gelernt hat. Es ist klar, dass dieses Buch vorab von Menschen gekauft wird, die Cicero und seine Musik zu schätzen gelernt haben. Darüber hinaus aber bietet das Buch auch Anregung, Information und gute Unterhaltung für Alle, die sich mit Soul, Pop, Jazz und Musik im weitesten Sinn beschäftigen.

Es ist selbstverständlich kein Buch über musiktheoretisches Wissen – obgleich manche seiner Ausführungen - besonders im Kapitel über Stevie Wonder und seine Musik – sehr tief gehen und in ihrer Intensität und Genauigkeit beeindrucken. Das ist außerordentlich kenntnisreich und bietet große musikalische Einblicke.

Der interessanteste Aspekt dieses Buches ist für mich, zu begreifen, wie ein Mensch – hier also Cicero - durch Musik auch neue und wertvolle Erkenntnisse für sein eigenes Leben erfährt, daran wächst und diese komplexe Entwicklung zu nutzen weiß. Seine resultierende Betrachtung – die ich mal als „LERNEN UND FÜHLEN DURCH MUSIK“ bezeichnen möchte, verbindet alle Neben- und Seitenstränge wie ein roter Faden das gesamte Buch. Schon als sehr junger Mensch hört er offensichtlich sehr genau hin - ein „aktives Hören“ bis heute, lässt ihn die Musik viel intensiver erleben, nicht nur konsumieren. Deswegen kann sich auch am ehesten der Leser mit seinen Texten zur Musik identifizieren, dem Musik ebenfalls wichtig genug ist, ihr alle Aufmerksamkeit und innere Beteiligung zu widmen.

Die Liste der vorgestellten Künstler und deren Musikstücke (u.a. Stevie Wonder, Prince, Al Green, Frank Sinatra, Nick Drake, The Beatles, Mario Lanza, Roy Hargrove, Victor Borge, Marvin Gaye, James Taylor, Jeff Buckley, Joni Mitchell, Chaka Khan und Billie Holiday) ist groß, musikalisch vielseitig und dadurch interessant. Jedem dieser Künstler widmet Cicero ein in sich abgeschlossenes Kapitel, - wobei entweder die Konzentration auf den Künstler oder seine eigene, derzeitige Lebenssituation in seiner Schilderung überwiegt. Die Abschnitte zu Sinatra, Prince und vor allem Stevie Wonder sind sicher die ausführlichsten – aber auch die kürzer gehaltenen Berichte sind deswegen nicht weniger interessant oder gar oberflächlich.

Spannend finde ich, wie Cicero in seinen Beschreibungen zur jeweiligen Musik erörtert, dass Musik zwar mehr „Feeling“ als „Verstand“ ist, dass aber jede Musik einer gewisse Konzentration bedarf, um sie zu begreifen – und da ist auch der Verstand beteiligt. So erklärt er des öfteren diesen häufigen Zwiespalt der Musiker von Gefühl, Verstand, Emotionen und musikalisch perfekter Technik. Darüber hinaus erklärt Cicero leidenschaftlich, wie sehr er Liveauftritte gegenüber Studioaufnahmen bevorzugt und wie wichtig die Liveperformance überhaupt ist – die Musik die in diesem Moment passiert und nicht wiederholbar ist.

Im Abschnitt über Sinatra schreibt Cicero  u.a.  diesen Satz:
„Technik“ sei das Gegenteil von „Feeling“, das ist eine beliebte Ausrede bei Sängern, und mit der machte ich es mir bequem. Ich wollte mich schließlich ausdrücken – und keine mathematischen korrekten Partituren herunterleiern“

Dass er an der Technik und am beständigen Üben nicht vorbeikam, hat er dann doch gelernt und in Interviews oft gesagt, wie sehr ihm seine Ausbildung im Jazzgesang geholfen hat. Als Besucher vieler seiner Konzerte habe ich immer wieder erlebt, dass Cicero jeden Song zumindest leicht verändert interpretiert. Gute Technik ist eben auch eine wichtige Voraussetzung für Improvisation und Kreativität.

Ich habe das Buch tatsächlich ohne zeitliche Unterbrechung durchgelesen - nach ein paar Seiten war ich so „drin“, dass ich es nicht mehr weglegen konnte. Cicero's Buch hat eine in sich steigernde Dynamik, vergleichbar mit der Intensität seiner Musik und seines Gesangs.


© Werner Matrisch, Köln 5. November 2010