Souverän und abwechslungsreich

Streisands erstes Popalbum: Stoney End
(erschienen: Februar 1971)

Stoney End Cover


„Stoney End“ war Streisands erstes pop –und rockorientiertes Album. Produzent Richard Perry wußte genau, welcher Sound des Popmusik-Genre zur Stimme der Streisand passte, und was noch wichtiger war, WIE ihre Stimme ( hier völlig dem Musical-Genre entsagt...) überhaupt popmäßig zu klingen hatte. Rhythmusbestimmende Songs wie „Free The People“, „Time And Love", oder „Stoney End“ waren 1971 für Streisand noch Neuland. Dass diese Songs trotz Streisands lernen am Idiom der Rockmusik nicht aufgesetzt klingen, liegt an ihrem musikalischem Einfühlungsvermögen und ihrer Fähigkeit, die Lyrics wahrhaftig klingen zu lassen. Hier kommt auch die Schauspielerin zum Zug.

"Stoney End"  zeigte mit Songs von u.a. Joni Mitchell, Laura Nyro, Carol King, und Randy Newman eine ganz neue Facette in Streisand’s Plattenkarriere. Dieses Album bedeutete für die bis dato eingeschworenen Fans eine beinahe „radikale“ Wende des „ Streisandsounds“ und sie betrachteten das Album mit größter Skepsis. Dennoch erreichte „Stoney End“ Platz 10 der Billboard Charts- und die gleichnamige Single wurde ein Hit.

Natürlich ist Barbra Streisand mit diesem Album weder eine wirkliche „Popsängerin“ und schon gar nicht eine Rocksängerin geworden. Aber es ist schon erstaunlich, wie gekonnt Streisand mit ihrer weltbekannten „People-Belcanto-Stimme“ plötzlich in Songs wie „Stoney End“ oder „No Easy Way Down“ und dem hinreißenden „Free the people", soulige Töne und Phrasierungen meistert.

Selbst den damals sehr populären Countrysong „If you could read my mind“ von Gordon Lightfoot interpretiert sie adäquat und doch unbeirrbar „streisandsouverän“.
Für manche Kritiker war diese Version das gelungenste der zahlreichen Cover dieses Titels.

Jedoch ein wahres Glanzstück liefert Streisand gleich zu Beginn der CD. In Joni Mitchells hauchzartem „I Don't Know Where I Stand” intoniert ihre Stimme nur pure, elegische Schönheit. Vollkommen „straight“ und vibratofrei , fast „einfach“ singt sie die poetischen Mitchell-Zeilen, ihre Stimme scheint zu schweben, losgelöst von ihrem Selbst.

„Stoney End“, bereits 1971 aufgenommen, klingt für mich heute noch moderner, rockiger, vielseitiger und weniger weichgespült als ihr berühmtestes und meistverkauftes Popalbum „Guilty“, von 1980.
Leute, denen die Pop-CDs der Streisand gefallen, sollten sich unbedingt mal dieses frühe Album anhören.

Werner Matrisch, Köln