Brillanter Auftritt in Montreux
MARKENZEICHEN "CICERO" IN VARIBLER REINKULTUR
DVD : Roger Cicero & Big Band – Live at Montreux 2010
( erschienen 19. November 2010.)

Roger Cicero hat es geschafft das Mekka aller Jazzfestivals mit seiner Big Band heimzusuchen. Am 12. Juli 2010 war es soweit. Nur wenige Jahre nach seinem plötzlichen „Männersachen“-Karrieresprung im Jahre 2006, der ihn von Jazz- und Clublocations in immer größere Hallen katapultierte, steht er an diesem Sommerabend vor einem jazzverwöhnten Publikum auf der Bühne des „44. Montreux Jazz Festival“.
Ja, „nervös“ ist er nach eigenen Aussagen sehr vor diesem Auftritt. Bedeutendste Jazz- Pop- und Soulgrößen aus aller Welt sind dort seit dem Gründungsjahr 1967 aufgetreten. Viele seiner Idole haben dort Meilensteine ihrer Kunst hinterlassen. Nun ist er an der Reihe und dem Motto des Abends „Singin' and Swingin' erweist er wahrlich alle Ehre.
Auf dem Programm standen Swingstücke, Balladen, Funk- und Soultitel seiner Erfolgstournee „Artgerecht“. Zwei Cicero-Songs sind erstmalig in englischer Version zu hören: aus „Murphy's Gesetz“ wurde „Murphy's Law“ und aus „Ich hab das Gefühl für dich verlorn'“ wurde „That you and I feeling“. Mit Toots Thielemans Jazz waltz „Bluesette“ brillierte Roger Cicero in jazzvocaler Reinkultur – sein "scatting" ist bisher unerreicht bei deutschen Jazzern oder Swingern.
Manche der bekannten Songs wurden für den Montreux-Auftritt zudem etwas jazzorientierter arrangiert. So bekam der Cicero-Hit „Nicht Artgerecht“ ein wunderbares „Scat-Intro“,was vielleicht nicht unbedingt dem innewohnenden Motownsound des Songs wirklich „artgerecht“ entsprach, aber eine hinreißend jazzige Bereicherung darstellte.
Dieses Montreux-Konzert begeistert auch noch auf DVD mit der großen Bandbreite eines Repertoires von Ballads, Swing, Jazz, Blues & Soul und durch Cicero's Fähigkeit, immer vollkommen er selbst zu sein. Mögen seine Idole ihm noch so nah sein: der Prince-Cover „How com U don't call me anymore“ erhält trotz princetypischem Falsettgesang durch seinen nachfolgend voluminös-expressiven Gesang den signifikanten Cicero-Stempel und ufert aus zu einem wahren Soul-Fortissimo. Roger Cicero beherrscht perfekt den Umgang von Nuancierung und musikalischer Steigerung - absolut überzeugt davon, dass Dynamik zur Musik gehört und ihre Spannungsbögen erhöht.
Die Bild- und Tontechnik der DVD sind von erstklassiger Qualität, und wenn bei diesem Konzert etwas mehr denn je zum Ausdruck kommt, dann ist es sicher seine mit den Jahren gereifte sängerische Universalität. Roger Cicero glänzt bei seinem Montreux-Auftritt von A – Z mit einer schieren Intensität. Und die ist nicht nur spürbar während der „fetzigen“ Titel, („Spontis zeugen Banker“) , sondern beeindruckt nicht im mindesten weniger in ruhigeren Titeln wie dem Big Band Blues „Für 'nen Kerl“. Damit keine Missverständnisse auftreten: Es geht um seinen kleinen Sohn Louis, für den er diese wunderbare Liebeserklärung komponierte.
Ebenso wie Cicero ist auch seine Big Band in Hochform. Die Bläsersätze schmettern und strahlen im gestochen sauberen Klang. Die Solisten Uwe Granitza, Ulli Orth,Thomas Zander und Gabriel Coburger haben beeindruckende Soli. Coburger glänzt insbesondere im Duett mit Roger beim Tribut für die „Fantastischen Vier“. „Geboren“ heißt das nicht wieder zu erkennende Stück der berühmten Hip- Hop-Formation. Wie hier aus Hip-Hop und RAP ein Song in handfesten Swing-Jazz mit krönendem Scat-Duett umgewandelt, nein - eher völlig neu kreiert wurde, sucht sicher seinesgleichen.
Schlagzeuger Matthias „Maze“ Meusel ist häufig im Focus der Kamera, deren Bilder hautnah zeigen, mit wie viel Energie und Leidenschaft er sein Instrument bearbeitet und auch deutlich machen, was ein Drummer in einer so starken Big Band zu leisten hat. Der große Zusammenhalt während des gesamten Konzerts kommt aber von Bandleiter, Arrangeur und Pianisten Lutz Krajenski. Während des Cicero-Hits „Murphy's Law“ wechseln Roger und Lutz beim sich stetig aufheizenden Instrumentalteil ihre Standorte. Roger sitzt am Klavier und Lutz Krajenski bearbeitet seine Hammondorgel in gewohnt furioser Manier. Zunehmend wird sein Spiel unbändiger und so entsteht ein brodelnd heißes Soundgemisch von Funk, Soul, Gospel und Jazz. Der Song hält über sechs Minuten einen förmlich rasenden Rhythmus und hat in seinem gospelähnlichen Aufbau eine aufpeitschende Wirkung. Ein klares mitreißendes Highlight des Abends.
Mit gleicher Verve rollt auch „Das ist nicht das, wonach es aussieht“ akustisch über die Bühne. Der Song explodiert beinahe vor Beschleunigung und hat einen kompakten Big Band Sound, der sozusagen alles „niedermäht“. Für diese Maßlosigkeit müsste man fast einen neuen Soundbegriff finden, vielleicht "Großorchestraler Vollgas-Rock-Jazz" - oder so ähnlich. Mein Gott, hat das ZUNDER!
Wenn diese DVD zu meiner favorisierten Cicero-DVD wird, liegt das sicher am großen Soul- und Jazzfaktor, der das ganze Montreux-Konzert dominiert – auch wenn er in seiner letzten Zugabe „Frauen regiern' die Welt natürlich wieder swingt wie nur er es kann. Das wird eigentlich schon klar beim Intro der Big Band zu Beginn des Konzerts. Richtig euphorisiert wurde ich aber , als ich die DVD via Sennheiser-Kophörer genoss. Ich glaube, so hört man wirklich im vollen Umfang ganz genau, was da an großartiger Musik drin steckt. Mit etwas Glück werden wir hoffentlich Cicero und seine Band noch öfter in Montreux erleben. Wie im Booklet der DVD beschrieben, lud Festivalchef Claude Nobs Roger und seine Big Band bereits in voraus für weitere Gastspiele nach Montreux ein.
Nachtrag:
Ein Song, der innerhalb dieses Montreux-Auftritts das „definitive Sahnehäubchen“ gewesen wäre, sollte leider erst Monate später im Oktober 2010 auf Cicero's Solotour vorgestellt werden. Dave Brubecks „Blue Rondo A La Turk“ im 9/8 Takt war DAS musikalische Ereignis der kleinen Cicero-Solotour die er nur in Begleitug mit Lutz Krajenski bestritt. Das von Mozart inspirierte Brubeckstück „Blue Rondo A La Turk“ gilt speziell wegen dem 9/8 Takt als kaum singbar. Auf CD gibt es eine Studioversion von Al Jarreau ( 1981).
Roger Cicero jedoch brachte eine atemberaubende Liveversion des Songs in der er im Zusammenspiel von bravouröser vokaler Technik und musikalischer Kreativität ein Kunstwerk erstehen lies. Diese Nummer hätte auch beim Montreux-Jazz-Festival das „Non plus ultra„ sein können und durch die Wiederholbarkeit den Beweis erbracht, in welch hohen künstlerischen Gefilden ein Sänger wie Roger Cicero einzuordnen ist.
© Werner Matrisch Köln 6. Dezember 2010